Gerade in der Anfangszeit empfehle ich die Regeln der Gestaltung in der Fotografie zu verinnerlichen und auf Teufel komm raus auch anzuwenden. Man sollte sie so sehr verinnerlichen, dass man sie mehr oder weniger im Schlaf anwenden kann. Wenn man spürt man beachtet sie sogar, ohne sich darüber mehr größere Gedanken zu machen, kann man sich lösen und versuchen der Kreativität freien Lauf zu lassen und beginnen die Regeln sorgsam "zu erweitern". 
Aus diesem Grund möchte ich nun auf die wichtigsten Gestaltungsregeln eingehen und sie zu einem späteren Zeitpunkt erweitern, in dem es dann tatsächlich auch um Bildkomposition gehen soll. 
Goldener Schnitt
Eine der wichtigsten "Regeln" des Bildaufbaus ist der sogenannte Goldene Schnitt. Dieser lässt sich mathematisch Berechnen und ist eine seit der Antike bekannte Gestaltungregel. Ohne zu sehr in die Berechnung oder Herleitung des goldenen Schnittes zu gehen, sei gesagt, dass er ein bestimmtes Teilungsverhältnis des fertigen Bildes darstellt, das für den Menschen als besonders harmonisch angesehen wird und deshalb häufig zur Anwendung kommt.

Der Sonnenstern liegt exakt auf dem Schnittpunkt zweier Linien des goldenen Schnitts 

Hier teilen sich Person und Fels jeweils die Linien des Goldenen Schnittes

Drittelregel
Die Drittelregel ist ganz ähnlich des goldenen Schnittes. Hier wird das Bild nicht in einem bestimmten Teilungsverhältnis aufgeteilt, sondern horizontal und vertikal in exakt neun gleich große Felder. So liegen die gedachten Linien exakt bei 1/3 und 2/3 der Breite, bzw. Höhe des Bildes. 

Hauptmotiv der historische Turm der Stadt Luzern ist auf den kreuzenden Drittel-Linien

Hauptmotiv Baum liegt ca. auf den sich kreuzenden Linien, hinzu kommt der "Horizont" der ebenfalls auf der Drittel-Linie liegt. 

Wie man sieht sind sich Drittelregel und Goldener Schnitt sehr ähnlich. Beide sorgen für einen interessanteren Bildaufbau, der eine gewisse Aufmerksamkeit vom Betrachter fordert und Interesse bei ihm wecken kann. Beide Regeln können aber auch für bestimmte Motive genau der falsche Bildaufbau sein. 

Für dieses Motiv machte nur die Bildmitte Sinn

Bei diesem Bild links aus dem Norden Islands funktionierte weder Drittel-Regel noch Goldener Schnitt. Die einzige Möglichkeit diesen weit entfernten Felsen auf einer Insel im arktischen Meer in Szene zu setzen, war, in meinen Augen die Bildmitte zu nutzen.
 
Symmetrie
Portraits mit direktem Blick in die Kamera, besonders schön symmetrische Bauten oder bestimmte Spiegelungen können oftmals einen symmetrischen Bildaufbau vertragen, oder schreien förmlich danach. Symmetrie kann in einer Fotografie langweilig wirken, oder eben auch Ruhe und Harmonie ausstrahlen. Sollte man eine Symmetrie entdecken, empfehle ich grundsätzlich auch ein symmetrisches Bild aufzunehmen, für den Fall, dass das Motiv mit anderen Gestaltungsregeln eben nicht funktioniert. 

Das Kloster im schweizerischen Einsiedeln ist vom Gebäudegrundriss symmetrisch, weshalb sich eine Positionierung exakt auf der vertikalen Achse anbietet.

Ein etwas anderes Bild vom Pragser Wildsee der eine perfekte Spiegelung des Gebirges im Hintergrund zaubert. Horizontlinie exakt auf der Bildmitte. 

Sind wir in der Natur unterwegs können wir durch "Verlegen" des Horizonts auf eine der Linien der Drittel-Regel oder Goldener Schnitt , oben oder unten, das Augenmerk auf den Himmel oder die Landschaft legen, durch symmetrische Platzierung gewichten wir gleich, nehmen Dynamik raus und sorgen für Ruhe und Harmonie. Dies war in den beiden Bildern oben auch der Sinn dahinter, die Idylle im Foto darzustellen. 
Haben wir ein aufdringliches Objekt  in der Landschaft, das sich als Motiv anbietet, so kann man dieses durch Platzieren auf einer der Linien links oder rechts vom Goldenen Schnitt oder der Drittel-Regel fotografisch interessanter gestalten. Beispielsweise den Standort in seiner Umgebung verdeutlichen, in dem man zumindest auf einer Seite des Objekts mehr von Umgebung zeigt. So geht der Blick zuerst zu dem Hauptmotiv und kann dann bspw. in die Ferne schweifen. 

Eine schöne Aufteilung nach der Drittel-Regel, der Blick kann vom Hauptmotiv, dem Baum, über den phänomenalen Sonnenuntergang in die Ferne schweifen. 

Der gleiche Baum in der Bildmitte platziert, lässt die Blicke weniger schweifen und fesselt weniger im Bild. 

Ebenen und Bildtiefe
Eine Kunst, die vor allem in der Landschaftsfotografie wichtig ist, ist es einen dreidimensionalen "Raum" auf einem zweidimensionalen Foto festzuhalten, so dass dennoch eine Art Tiefe vermittelt wird. Hierbei hilft es, beim Bildaufbau in Ebenen oder Schichten zu denken. Dies sind bspw. Vordergrund, Mittelgrund und Hintergrund. Diese kann man dann zum Beispiel versuchen mit dem Goldenen Schnitt auf dem Foto darzustellen. Um die Tiefe des "Raums" zu vermitteln können aber natürlich auch nur 2 Ebenen oder auch 5 Ebenen und mehr zur Anwendung kommen. Auch die Schärfeebene und eben die Unschärfe eines verschwommen Hintergrunds oder Vordergrunds kann eine Bildtiefe vermitteln. 

Bei diesem Bild von der sommerlichen Seiser Alm sind Vordergrund (Blumenwiese), Mittelgrund( Häuser und Wiese) und Hintergrund (Berge & Himmel) fast exakt dem Goldenen-Schnitt angepasst. 

Hier sind die Ebenen ebenfalls schön erkennbar, Hauptmotiv die Kapelle in Südtirol ist zentral Positioniert um keiner Seite eine Gewichtung zu geben. Licht und Schatten der späten Nachmittagssonne von der Seite hilft der Tiefenwirkung im Bild .

Weitere Möglichkeiten des Bildaufbaus
Es gibt weitere Möglichkeiten den Blick der Betrachter in ein Bild zu ziehen, zu halten oder zu lenken. Dies können Wiederholungen, Linien, Kurven, Muster, etc. sein. Dazu später noch etwas mehr, denn die oben genannten Möglichkeiten des Bildaufbaus sind sozusagen die ersten Grundlagen und werden für die ersten Schritte in der Fotografie durchaus reichen und sollten zu erst einmal erfolgreich umgesetzt werden. 
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